simulated blackout

Das Blackoutprotokoll eines Technologiejunkies

Unser ganzer Alltag wird von Computern und Internet bestimmt. Es gibt nur noch selten Aktivitäten in unserem Leben bei dem wir kein elektrisches Gerät verwenden. Zwar gibt es Technologien, die einem helfen durch den Tag zu kommen und produktiv zu sein, doch kann die selbe Technologie auch unsere Zeit vergeuden. Es ist wie bei Zigaretten oder anderen Suchtmitteln. Man sagt, dass man jederzeit ohne damit auskommt, es jedoch jeden Tag benutzt. Durch einen simulierten Blackout habe ich innerhalb von einem Tag versucht zu erfahren wie abhängig ich von Technologien bin und habe während dem Versuch Notizen gemacht. Da die Notizen 12 Seiten umfassten, wurde daraus das Blackoutprotokoll eines Technologiejunkies.

Das Blackoutprotokoll

Ich wache auf und möchte wissen wie spät es ist, doch besitze ich keine mechanische Uhr und wenn ich aus dem Fenster schaue, habe ich auch keinen Anhaltspunkt, da es bewölkt ist. Es regnet und nicht mal der Stand der Sonne kann erkannt werden.

Es gibt keinen Strom mehr

Als erstes gehe ich aufs Klo und versuche das Licht anzumachen. Da habe ich wohl für einen Moment vergessen, dass ich am Vorabend alle Schalter umgelegt hatte. Außer die für die Küche! Am Vorabend ist kurz nach dem Betätigen des Schalters das laute Brummen vom Kühlschrank weggefallen. Ich musste den Strom für die Küche wieder einschalten, da ich Lebensmittel im Kühlschrank hatte und Strom für das Kühlen und Zubereiten während der Blackout-Challenge erlaubt ist. Ich habe lediglich die Uhr der Mikrowelle zugeklebt, weil diese nicht zum Zubereiten von Nahrung gebraucht wird und ich auch keine digitale Uhr verwenden darf.

Morgenroutine mit Hindernissen

Im Bad habe ich mir Kerzen, Gurkengläser und Feuerzeuge/Streichhölzer zurecht gelegt, da ich kein Fenster im Bad habe und es nur so ausleuchten kann. Ich habe jetzt vier Kerzen im Bad aufgestellt und habe immer noch zu wenig Licht, um mich normal im Spiegel oder in der Dusche zu sehen. Ich dachte mir wohl, dass eine Kerze pro Raum schon ausreichen wird, jeder Raum hat ja auch eine Glühbirne, oder? Was hatte ich gestern für eine Denkweise, damit ich das geglaubt hatte (und ich hatte es nicht mal getestet)? Also für ein heißes Bad wäre dies eine angenehme Helligkeit und die natürlichen Farben der Flammen sind sehr gemütlich.

Blackoutprotokoll eines Technologiejunkies - Alle Kerzen im Bad

Ich versuche die Kerzen an Stellen aufzustellen, damit diese möglichst viel Licht spenden und ich habe bemerkt, dass wenn die hellen Kacheln hinter der Kerze frei sind, diese stark reflektieren. Also Tücher, Kosmetik, Shampooflaschen, etc. aus dem Weg stellen. An diesem Punkt wünschte ich mir mehrere kleine Spiegel oder Bleche zu haben. Habe einen kleinen Spiegel gefunden und durch die Reflexion kann ich mir nochmal ein bisschen mehr Licht auf die Dusche strahlen lassen.

Blackoutprotokoll eines Technologiejunkies - Kerze und Spiegel

Ich habe jetzt schon ziemlich viel Zeit für ein Lichtsetup im Bad verbraucht und noch nicht geduscht, Sport gemacht oder gegessen. Ich würde gerne wissen wie spät es ist? Plötzlich höre ich ganz leise Kirchenglocken aus der Küche. Dort habe ich ein Fenster gekippt und horche durch den Schlitz und versuche die Schläge zu zählen. Da die Glocken am Sonntagmorgen immer durchdrehen, gehe ich davon aus, dass die Religiösen zur Messe aufgerufen wurden. Ich kann also vermuten, dass es 10:00 Uhr ist. Weil ich als Kind auch sonntags zur Kirche musste und ich als Student in unmittelbarer Nähe von einer Kirche wohnte, gehe ich stark davon aus, dass ich mich damit auskenne. Doch sollten die Spekulationen stimmen, dann habe ich heute ziemlich verschlafen und sollte in die Gänge kommen.

Es ist faszinierend, dass ich ein paar Räume weiter überhaupt die Kirche hören konnte, da ich diese noch nie in der jetzigen Wohnung hörte. Normalerweise hört man ein Rauschen der Lüfter meiner PCs und Server. Diese laufen immer auf Volllast, da ich ihre Rechenleistung für Forschungszwecke im Bereich Krebs, Aids, Ebola, Klimawandel, etc. zur Verfügung stelle (mehr Informationen zu BOINC gibt es hier). Oft schaue ich Serien, Internetvideos oder höre einfach Musik, doch heute ist es unglaublich leise. Ich kann sogar den Regen hören, der eine beruhigende Wirkung hat. Eventuell ersetzt dieser das Rauschen der Lüfter, obwohl der Regen auch sehr leise ist.

Sport mit Hindernissen

Für die morgentliche Sportroutine habe ich mir aus dem Internet Fitnessvideos auf das Handy geladen. Dies habe ich gemacht, damit ich den digitalen Trainer auch dort dabei habe, wo es kein Internet gibt. Jetzt wo ich aber nicht mal das Handy verwenden darf, fällt es mir schwer mich an die Übungen und die Reihenfolge dieser zu erinnern. Ich mache diese Übungen schon seit Monaten und sollte sie auswendig können! Zwischen zwei Übungen gibt es 15 Sekunden Pause und während ich mich versuche an die nächste Übung zu erinnern, verzähle ich ich. Normalerweise sagt mir das Video welche Übung ich wie und wie lange ausführen soll. Und wie lange und wann ich Pause machen soll auch noch dazu. Eigentlich würde ich während den ganzen Übungen schon meinen ganzen Tag im Kopf planen und einfach machen was mir mein Handy sagt, aber nicht heute!

Ich habe Technologie wahrgenommen

Vor dem Duschen lege ich mir eine kleine Portion gefrorene Früchte oder Beeren in warmes Wasser, damit ich zu meinem Müsli „frische“ und gesunde Zutaten habe. Doch schon beim Rausziehen der Beeren aus der Tiefkühltruhe wurde mir klar was für ein Luxus dies ist. Würde ich eine „Total Blackout Challenge“ machen, dann hätte ich teure, erntefrische Beeren kaufen oder selber sammeln müssen. Diese würden wohl auch nach 2-3 Tage ohne Kühlschrank oder Tiefkühltruhe anfangen zu schimmeln.

Ist eine warme Dusche luxus?

Duschen bei schwach schimmerndem gelb-warmen Licht ist sehr angenehm und ich fühle mich wie beim Wellness (nur ohne Musik im Hintergrund). Auch hier muss ich sagen, dass ich froh bin nicht in einem „Total Blackout“ zu sein, weil für das Aufbereiten für heißes Wasser wird Strom gebraucht. Sei es zum Entzünden der Flamme für Öl-/Gasanlagen oder für einen strombetriebenen Wasserboiler. Braucht es Strom um das Wasser in meine Wohnung zu pumpen? Ich weis es nicht! Für mich ist es selbstverständlich.

Nach dem Duschen muss man aufpassen, dass man all die Kerzen nicht beim Abtrocknen ausmacht. Nur kurz das Tuch zu schnell um die Schultern geworfen und schon kann es auf einem Schlag zappenduster im Bad sein.  Bei so schwachem Licht hatte ich auch Probleme mit dem Deo meine Achseln zu treffen. Ich habe es mir schon so stark angewöhnt bei hellem Licht und Spiegel Deo aufzutragen, dass es ohne gar nicht mehr richtig geht. Das ist lächerlich! Noch nicht mal gefrühstückt und schon so viele Probleme. Ich gehe ins Schlafzimmer um mir Kleidung aus dem Schrank zu holen, doch sehe ich nichts. Nach kurzem überlegen im Bad eine Kerze abgeholt und doch noch die richtigen Kleidungsstücke gefunden. Nun ist es aber wirklich Zeit zum Frühstücken!

Endlich Frühstück, doch wo ist die Unterhaltung

Wie gewöhnlich gieße ich die vorbereiteten Beeren ab, mache diese in eine Schüssel und streue Haferflocken und Chia-/Leinsamen darüber. Diese Mischung übergieße ich mit Dinkelmilch und setze mich mit der Schüssel und einem Löffel vor die Mattscheibe, um neue Videos bei abonnierten Videokanälen zu schauen. Schon beim Hinsetzen drücke ich den roten Knopf auf der Fernbedienung, damit es losgehen kann. Doch heute habe ich erst nach dem dritten Mal Drücken bemerkt, dass ich keinen Strom im Wohnzimmer habe.

Also zurück in die Küche an den Tisch den ich ansonsten nur benutze um Gemüse zu schneiden. Dort fällt mir auf, dass auf dem Tisch eine Zeitung liegt. Da es draußen regnet und man aus dem Fenster nur Grautöne erkennen kann, entschließe ich mich in der Zeitung zu blättern. Solch eine Zeitung ist aufgeschlagen 20x größer als ein Tablet. Es lässt sich nicht mit einer Hand halten und überhaupt kann man so gar nicht Frühstücken. Doch beim Aufschlagen fällt mir eine kleinere, bunte Version einer Zeitung auf den Boden. Es handelt sich um Werbung von einem Möbelhaus. Diese ist handlicher und ich kann mit der anderen Hand mein Müsli essen. Das ist super!

Ohne Werbeblocker werde ich aggresiv

Aber moment! Ich verabscheue Werbung, da mich die Informationen wieder dazu bringen darüber nachzudenken mein vollkommen intaktes Eigentum mit etwas Neuem zu ersetzen. Nur um unbewusst Geld los zu werden! Auf jedem PC habe ich im Browser einen aktuellen Werbeblocker, sogar auf dem Handy habe ich eine Werbeblockerapp, die mir den Mist vom Hals hält.

Und warum bekomme ich überhaupt Zeitung und Werbung? An meinem Briefkasten steht, dass ich weder Zeitung noch Werbung möchte. Und dieser manipulative Müll ist jetzt doch in meiner Wohnung. Dafür sollte man die Firmen verklagen. Ach ne, geht ja nicht! Dafür bräuchte ich Beweise und da weder Werbung noch Zeitung adressiert werden, muss ich den ganzen Tag mit einem anderen Zeugen vor dem Briefkasten sitzen und den Übeltäter auf frischer Tat erwischen. Vielleicht muss ich noch ein Videobeweis machen oder dem Zeitungsjungen/-mann eine Bestätigung unterschreiben lassen, dass er tatsächlich Müll in meinem Briefkasten stopft.

Doch das wird alles nicht als arbeitstätiger Mensch machbar sein. Und selbst wenn ich mir Urlaub nehmen würde und es beweisen könnte, wären in der nächsten Woche die Zeitungen und Werbungen anderer Firmen in meinem Briefkasten. Ich müsste bei jedem das gleiche Spiel machen, bis man meinen Willen akzeptiert.

Da ich super aufgewühlt bin, kann ich mein Frühstück in der Küche nicht mehr genießen und betrachte meine Reflexion im curved Breitbildformat im Wohnzimmer.

Eine kleine Maschine nimmt mir die Arbeit ab

Endlich fertig mit dem, diesmal, kurzen Frühstück. Eigentlich sitze ich noch weiter im Wohnzimmer und schaue mir mehrere Videos im Internet am Stück an. Doch diesmal verliere ich schnell das Interesse einfach nur herumzusitzen. Nach dem Essen Zähne putzen nicht vergessen! Also auf ins Bad und… was ist das? Achso, ich habe gestern alle elektrischen Geräte in der Wohnung eingesammelt und in einen Stoffsack getan. Meine elektrische Zahnbürste habe ich mit meiner Reisezahnbürste ersetzt.

Boah! Es ist super mühsam seine Zähne gründlich mit einer einfachen Handzahnbürste zu putzen. Mache ich es überhaupt richtig? Normalerweise sagt mir meine Zahnbürste ob ich zu fest drauf drücke, wie lange ich in einem Quadranten sein muss und wann ich diesen wechseln muss. Ich glaube man sollte 2 Minuten Zähne putzen. Also 30 Sekunden in einem Quadranten bleiben. Aber soll ich jetzt auch noch zählen? Nein! Das ist so schon anstrengend genug.

Ohne Technologie bleibt einem nur der Spaziergang

Ich bin gereizt und der Duft von Kerzenwachs nervt mich momentan auch. Ich gehe am Fluß entlang spazieren und passiere ein Schwimmbad. Im Außenbereich schwimmen tatsächlich Menschen obwohl es mittlerweile kalt ist und regnet. Dort hängt auch eine große Uhr und ich vermutete erst, dass es schon längst nach 14:00 Uhr sein müsste, doch war es nicht mal 12:30 Uhr. Ich dachte, dass das Protokollschreiben und die ganzen Unannehmlichkeiten am Morgen sehr viel Zeit in Anspruch genommen haben und ich durch das Verschlafen noch mehr Zeit verloren hatte. Es ist erst früher Mittag und wahrscheinlich hätten meine üblichen Time Killers schon so viel Zeit verschluckt, dass es zwischenzeitlich Abend wäre. Doch diesmal nicht!

Mittagessen mit Strom

Ich darf heute das erste Mal ein elektrisches Gerät an machen, weil ich langsam Hunger bekomme. Vorm Essen zubereiten, erst Hände waschen. Mir ist jedoch aufgefallen, dass mein Seifenspender ein elektrisches Gerät ist, welches ich gestern beim Einsammeln komplett übersehen hatte. Ich habe es ausgeschaltet und es mit einer Duschgelflasche ersetzt, da ich keine Kernseife auf Vorrat hatte.

Blackoutprotokoll eines Technologiejunkies - elektrischer Seifenspender

So, jetzt aber an den Herd! Eine digitale Eieruhr, die mir Bescheid gibt wann die Nudeln fertig sind. Eine digitale Küchenwaage mit der ich die Zutaten auf den Gramm genau abwiegen kann. Eine elektrische Abzugshaube, die Wasserdampf & Co. einsaugt. Licht, damit ich sehe was ich koche und natürlich der elektrische Herd, an dem ich alles ziemlich schnell kochen und braten kann. Ich merke, dass meine Küche elektrische Geräte enthält, als meine restliche Wohnung zusammen.

Beim Schneiden vom Gemüse dachte ich mir, dass die Leute früher wahrscheinlich schon glücklich waren, wenn sie ein scharfes Messer hatten, weil diese weit von dem was ich als selbstverständlich halte, hatten und es auch wertschätzten. Warum muss ich mir erst gezielt etwas wegnehmen, damit ich es wertschätze? Bin ich schon so verwöhnt?

Und wieder Werbung

Nach dem Zubereiten der Nahrung ging es mit dem Teller und einer Gabel direkt wieder ins Wohnzimmer. Diesmal entdeckte ich ein neues Kursbuch der Volkshochschule, welches mir per Post zugeschickt wurde. Zwar habe ich bei der Volkshochschule einen Kurs belegt gehabt, doch ich kann mich nicht daran erinnern meine Adresse für Werbezwecke freigegeben zu haben. Genervt werfe ich das Kursbuch zur Seite und genieße mein selbstgemachtes Essen. Es muss doch irgendwie möglich sein diesen Spammern den Gar auszumachen?

Blackoutprotokoll eines Technologiejunkies - unerwuenschte Werbung

Die Erleuchtung durch natürliches Licht

Am Abend habe ich für eine halbe Stunde ein Buch gelesen. Woher ich das ohne Uhr weis? Ich habe Sanduhren, die je eine Stunde, eine halbe Stunde, 10 Minuten und 5 Minuten laufen. Es ist jedoch sehr schwierig bei natürlichem Licht zu lesen, weil immer mehr graue Wolken aufziehen und es auch später wird. Wegen natürlichem Licht ist mir aufgefallen, dass ich die meiste Zeit auf der Couch im Gästezimmer bin, da diese genau unter einem Fenster steht. Ich schreibe hier mein Protokoll und lese ein Buch.

Mir wird auch klar warum unsere Eltern noch unsere Schreibtische ans Fenster gestellt haben. Man hatte so einfach genug Licht tagsüber, um zu lesen und zu schreiben. Heutzutage macht es keinen Sinn einen Schreibtisch ans Fenster zu stellen. Die Computermonitore werfen tagsüber Schatten, versperren die Fenster und leuchten nachts. Schön wäre es, wenn ich die Monitore in den Tisch einfahren lassen könnte oder man diese sonstwie schnell verstecken könnte. Ich hätte jetzt doch lieber natürliches Licht und einen freien Schreibtisch an dem ich alles mögliche machen könnte, anstatt an einer LED Lampe und Monitore zu sitzen.

Aus Langeweile aufräumen

Eigentlich habe ich mir vorgenommen alle rumfliegenden Sachen, die ich seit Wochen nicht mehr benutzt habe, in eine Kiste zu werfen. Die Kiste beinhaltet Sachen, die man noch in Zukunft gebrauchen könnte, aber momentan nicht intensiv genutzt werden. Beim Öffnen der Kiste ist mir sofort ein Gyrotwister ins Auge gefallen. Super! Unterhaltung ohne Strom! Gleich mal ausprobieren. Nach ein paar misslungenen Anläufen mit der Hand (ich konnte das mal mit der Hand), greife ich zur Schnur und starte das mechanische Spielzeug. Es hat super viel Spaß gemacht und ich sollte das Ding wieder auf meinem Schreibtisch packen, da man seine Hände damit trainieren kann. Aber ich glaube sobald ich wieder Internet habe, habe ich keine Zeit dafür.

Die Sonne geht unter und plötzlich gibt es kein Licht

An meinem neuen Lieblingsplatz im Gästezimmer sehe ich leider nicht mehr viel und es ist unmöglich zu schreiben. Daher bin ich ins Wohnzimmer gezogen und habe es mir auf dem Sessel bequem gemacht. Dieser hat zwei Beistelltische. Einen für den Laptop und einen für die Maus. Da wo der Laptop stehen sollte, stehen jetzt vier mittelgroße Kerzen in Gläsern und da wo die Maus sein sollte, ist jetzt mein Notizblock mit Stift. Aber selbst vier mittelgroße Kerzen können nicht genug Licht spenden damit man uneingeschränkt schreiben kann. Wie haben es Menschen denn früher gelöst als die Sonne unterging?

Abendbrot im Dunklen

Ich habe mir Abendbrot gemacht und eine Paprika aufgeschnitten. Dabei kam mir das Licht im Kühlschrank wie ein Stadionstrahler vor. Meine Augen haben sich wohl ziemlich schnell an schlechte Lichtverhältnisse gewöhnt. Trotzdem würde ich mich freuen, wenn ich für den Rest des Abends wenigstens die LED vom Smartphone verwenden dürfte, dann hätte ich noch Sachen erledigen können. Aber ich darf mein Handy nur im Notfall benutzen! Auch wenn ich mich gut vorbereitet habe, muss ich mich das nächste Mal besser vorbereiten. Ein großer Teil der gewonnenen Zeit geht einfach für das Nichtstun verloren.

Den Abend ausklinken lassen

Aber wie ich heute morgen schon bemerkt habe, sind Kerzen super für gemütliche Momente. Ich geh jetzt baden! Aber ich habe keine Ahnung wie spät es ist? Da ich die Nachtruhe einhalten möchte und für morgen Wecker stellen sollte, habe ich den Klebestreifen von der Mikrowelle entfernt und auf die Uhr geschaut. Es ist 22:15 Uhr und ich dachte wirklich, es sei maximal 20:00 Uhr. Ich bin doch noch gar nicht müde!

Das Baden fällt heute aus und ich gehe bald ins Bett. Das nächste Mal muss ich mir auf jeden Fall eine analoge Uhr zulegen oder wenigstens die Ausnahme zulassen Uhren benutzen zu dürfen. Ohne eine genaue Uhrzeit ist man ziemlich verloren, außer man macht sich einen Tag davor über den Zeitpunkt vom Sonnenuntergang und über die Wetterverhältnisse schlau. Mit ein bisschen Glück gibt es keine Wolken am Himmel und man kann anhand vom Sonnenstand die ungefähre Zeit erfahren. Dies sollte jedoch davor geübt werden, weil solch eine Fähigkeit nur noch wenige Menschen besitzen.

Ich bin noch nicht müde und möchte noch ein bisschen im Wohnzimmer auf der Couch liegen, doch ist es mir zu dunkel. Ich habe noch ziemlich viele unbenutzte Teelichter. Wieso nicht einfach die zum Abschluss der Challenge verwenden? Gesagt, getan! Ich habe 30 Teelichter auf meinem Couchtisch aufgestellt und angezündet. Mein Wohnzimmer war noch nie mit so viel Licht ausgestrahlt und es sieht gemütlich aus.

Das ständige Flackern der 30 Flammen ist jedoch mit der Zeit unangenehm.

Blackoutprotokoll eines Technologiejunkies - 30 Teelichter

Die Challenge ist vorbei! Alle Geräte wieder rausholen

Den Sack mit elektrischer Zahnbürste, Weckern, Smartphone, Tablet, Seifenspender, etc. darf ich nun auspacken und alles an seinen Platz bringen. Ich habe zwei akkubetriebene Wecker, die im Abstand von 5 Minuten Alarm am Morgen geben sollen. Beide Wecker zeigten eine komplett andere Uhrzeit an, die sogar von der Mikrowelle abweichte. Jetzt war ich komplett verwirrt! Nach der Überprüfung des Smartphones war mir dann aber klar, dass es erst 20:30 Uhr war und die Batterien von einem Wecker ausgerechnet heute leer wurden. Doch was war mit der Mikrowelle? Am Vorabend war ich um ca. 22:00 Uhr am Sicherungskasten und habe alle Schalter umgestellt. Als ich bemerkte, dass ich in der Küche Strom brauchte, fing die Uhr auf der Mikrowelle wieder bei 0:00 an und blinkte nicht. Nach einem Tag ohne Technologie traute ich der Mikrowelle blind und wollte tatsächlich früher ins Bett.

Blackoutprotokoll eines Technologiejunkies - Mikrowellenuhr

Weitere Notizen und was mir in den Sinn kam

Jeder kennt das Problem! Man hinterfragt eine Sache in einem Augenblick, die in einem anderen komplett unwichtig ist. Doch nimmt man sich die Zeit dafür, um danach im Internet zu forschen. Da ich kein Internet hatte und ich trotzdem den drang hatte Antworten zu bekommen, habe ich mir diese Sachen notiert. Im Nachhinein halte ich die meisten jedoch für irrelevant. Doch überzeugt euch selbst:

  • Ich möchte eine Solarwetterstation mit Zeitanzeige, damit ich immer die Außen-/Innentemperatur kenne und nie Batterien wechseln muss.
  • Ich möchte eine vollautomatische Armbanduhr, die sich beim Laufen selbst aufzieht.
  • Ist die Steckdose in meinem Keller eigentlich am Allgemeinstrom angeschloßen?
  • Ich brauche Schleifpapier für Glas, da meine selbstgemachten Kerzenhalter scharfe Kanten haben.
  • Ein Feuerzeug mit langem Hals kaufen, damit ich fast abgebrannte Kerzen im Glas anzünden kann.
  • Wie wurden damals Kerzen eingesetzt um zu lesen oder zu schreiben? Gab es Apparaturen aus Spiegeln, um das Licht effizient zu nutzen?
  • Warum sind die Anhänger von Öltransportern zylinderförmig?

Fazit

  • Entzugserscheinungen treten schneller auf als gedacht. Man braucht einige Technologien nur kurz am Tag, doch möchte man diese den ganzen Tag zur Verfügung haben. Eine Nervosität baut sich auf, wenn dies nicht der Fall ist.
  • Selbst bei guter Vorbereitung vergisst man einiges, da einem zu viele Sachen als selbstverständlich erscheinen. Ich wollte bei Kerzenlicht ein Buch lesen und dachte, es wäre das gleiche wie bei einer Glühbirne oder LED. Keine Chance! Kerzenlicht ist viel zu schwach, um überhaupt noch etwas nach Einbruch der Dunkelheit zu erreichen.
  • Es ist (plötzlich) hart alleine zu sein! Mit Unterhaltungselektronik lässt es sich auf jeden Fall besser leben. Ich kann nun verstehen, dass viele Menschen früher schneller vereinsamt sind. Heutzutage gibt es soziale Netzwerke, Multiplayerspiele im Internet, interaktive Sendungen und zu jeder Zeit lassen sich seine Bedürfnisse auf Unterhaltung stillen. Früher gab es nur den Fernseher der einem unterhielt, doch ging die Kommunikation nur in eine Richtung. Heute kann man Sendungen (Livestreams) anschauen und direkt mit den Leuten sprechen oder schreiben, die man auf dem Bildschirm sieht. Auch wenn viele Menschen alleine sind, sie vereinsamen nicht.
  • Man investiert sehr viel Zeit um momentan Forschungen anzustellen, um sofort eine Antwort für unwichtige Sachen zu erhalten. Wenn man solch einen Drang verspürt, dann sollte man sich die Sache irgendwo notieren. Sollte der Drang nach 1-2 Tagen immer noch da sein, dann kann man die Zeit investieren und nachforschen. Aber in den meisten Fällen wird man die Sache als unwichtig betrachten.
  • Viel Wissen erlangt man nur, wenn man tatsächlich in eine bestimmte Situation kommt. Von daher kann eine Blackout-Challenge einem die Augen öffnen.
  • Man macht plötzlich Sachen für die man keine Zeit hat oder keine Zeit nehmen will. Unerledigte Sachen gehen sehr leicht von der Hand, wenn man nicht abgelenkt wird.
  • Man nimmt sein Umfeld bewusster wahr. Ich habe sehr viel unbenutztes Zeug in der Wohnung, welches ich erst benutzt hatte, als ich gezielt kein Internet mehr hatte.
  • Vor der Blackout-Challenge habe ich gedacht, dass ich mich eher bedacht von Technologien distanziere. Danach musste ich jedoch erfahren, dass ich ein Technologiejunkie bin.